Eine runde Sache

Geld, welches einem in die Finger bzw. aufs Konto gerät, kann man entweder einfach so ausgeben, z.B. für einen neuen Wagen oder für Reisen. Man kann es auch anlegen, was zurzeit eher nicht so gewinnbringend ist. Man kann auch was dafür kaufen, was eine Wertanlage ist und wofür man sogar neues Geld bekommt. Und das haben wir gemacht, zumindest mit einem Teil des mir zustehenden Verkaufserlöses aus unserem Familienhaus in Lübec, der hoffentlich in der kommenden Woche auf meinem Konto landet. Wir haben eine Wohnung gekauft, die vermietet werden soll. Eigentlich habe ich sie gekauft weil der Verkaufserlös rein rechtlich gesehen mir zusteht. Da aber meine Mutter involviert ist (hierauf näher einzugehen würde diesen Rahmen sprengen), gehört die Wohnung moralisch ihr.

Der Kaufvertrag wurde am Freitag Mittag in der kleinen verschneiten Stadt an der Elbe unterschrieben. Meine Mutter war dabei weil sie und ich anschliessend einen notariellen Vertrag schliessen mussten bzw. weil ich das gerne wollte. Alles in einem Abwasch sozusagen.

Am Rande sei erwähnt, dass ich Mutter Freitag vormittag vom Hamburger Hauptbahnhof abgeholt habe. Ein Schneeproblem gab es nicht. Die Autobahn nach Hamburg war gut befahrbar. Auch in Hamburg und hier in Geesthacht gab es keine Probleme.

Meine Mutter hatte kürzlich erwähnt, dass sie noch nie in der Hamburgischen Staatsoper gewesen ist. Spontan hatte ich die Idee, ob wir anlässlich des Notartermins einen Opernbesuch machen sollten. Ein Blick in den Spielplan ergab, dass an diesem Abend die Oper Madama Butterfly gegeben werden würde, eine Oper, die wir im letzten Jahr in einer überaus schönen Inszenierung im Lübecker Stadttheater gesehen hatten.

Bereits Freitag Nachmittag machten wir uns auf den Weg nach Hamburg. Unsere Mägen mussten vor der Aufführung gefüllt werden sollte nicht ihr Knurren die leisen Töne der Musik übertönen. Zusammen mit Bernds Mutter waren wir im Restaurant Franziskaner ganz in der Nähe der Staatsoper. Alte Damen sind nämlich nicht mehr so gut zu Fuss.
Die Erfahrungen mit dem Franziskaner waren eher zwiespältig. Das Essen war nicht optimal, jedenfalls die Gemüsebeilagen. Sie kamen ganz eindeutig aus der Tiefkühltruhe. So war z.B. mein Rosenkohl von einer merkwürdigen Konsistenz und geschmacklich ein Reinfall. Mutters Blumenkohl war zu hart. Aber ansonsten hat’s geschmeckt. Für ein gemütliches Essen zu viert ist das Restaurant auch nicht geeignet. Es ist zu eng und zu laut. Na ja, es ist ja auch sehr rustikal dort.

Die Opernaufführung wurde getragen von der Hauptdarstellerin, der farbigen Sopranistin Latonia Moore. Figürlich ist sie zwar eher einer Wagnersängerin zuzuordnen. Aber das wurde wettgemacht durch ihre phantastische Stimme und ihre Spielfreude. Sogesehen eine Augen- und Ohrenweide. Ihr ebenbürtig agierte auf der Bühne der Rumäne George Petean in der Rolle des Konsul. Der eigentliche Gegenpart von Cio-Cio-San, der sie zum eigenenen Vergnügen und nur so zum Spass heiratende B.F. Pinkerton, gesungen vom Italiener Massimilano Pisapia, passte zwar figürlich zu Latonia Moore, aber gesanglich konnte er ihr nicht das Wasser reichen. Vielleicht war er an diesem Abend nicht so gut drauf.

Am Ende des 2. Aktes beginnt sich das Drama um Madama Butterfly zuzuspitzen. Sehnsüchtigt wartet sie mit ihrer Dienerin und ihem Sohn, der von Pinkerton gezeugt worden war, auf die Ankunft ihres vermeintlichen Mannes, der inzwischen in Amerika eine andere Frau ehelichte. Zu den Klängen des Summchores bricht die Nacht über die drei wartenden Personen herein – und bei mir rollten die Tränen.

Am Ende jubelnder Applaus für Latonia Moore. Ein dramaturgisch sehr sehr schöner Opernabend war zu Ende. Es war die 269. Vorstellung einer Inszenierung aus dem Jahr 1963.

Gestern, am Samstag stand wieder Kultur auf dem Programm. Unsere Mütter hatten zu Weihnachten ja von uns Karten für die Nachmittagsvorstellung von „Best of Musical Gala 2010“ bekommen, ein Weihnachtsgeschenk, dass wir bereits Mitte Januar vergangenen Jahres gekauft hatten. Nur das Beste ist gut genug für unsere Mütter. Unsere Plätze hatten wir in der 6. Reihe genau in der Mitte der grossen Bühne.

Im ersten Teil gab es jeweils kurze Ausschnitte aus Musicals, die Stage Holding derzeit nicht im Programm in Deutschland hat. Im zweiten Teil wurden dann die aktuellen Renner gebracht: König der Löwen, Wicked – die Hexen von Oz (unser derzeitiger Favorit), Der Schuh des Manitou, Tarzan und andere. Am Ende gab es einen kleinen Ausblick auf das im Herbst startende Musical Sister Act.

Aufgetreten sind die wohl zurzeit bekantesten Musicalstars in Deutschland: Pia Douwes, Patrick Stanke, Elisabeth Hübert, Anton Zetterholm und Frank Seibert. Patrick Stanke spielte beim glücklosen Musical Titanic den Heizer. Frank Seibert haben wir in Berlin als Ranger im Der Schuh des Manitou auf der Bühne erlebt.

Pia Douwes kann man ohne weiteres als Grand Dame des Musicals bezeichnen. Mit ihrem Alter von 46 Jahren ist sie nicht mehr die jüngste unter den Musicaldarstellern. Aber was hat die Frau für eine Ausstrahlung! Das erlangt man wohl erst in reiferen Lebensjahren. Und tanzen kann sie – das hätte ich nie gedacht. Die Frau ist Spitze!

Auch an diesem Abend gab es bei Bernd und mir feuchte Augen und mehrmals lief uns die Gänsehaut über den Rücken. Ein toller Abend, der auch unseren Müttern gefiel.

Am Hauptbahnhof in Hamburg verabschiedeten wir unsere Mütter. Zwei runde und schöne Tage fanden ihr Ende.

4 Gedanken zu „Eine runde Sache

  1. Hans-Georg

    @Lacarian:
    Nein nein, die Wohnung ist hier in der kleinen Stadt an der Elbe. Das Haus ist in der Marzipanstadt. Du kennst es sicherlich. Es ist das, in dem die Outdoorklamotten mit der Tatze verkauft werden.
    Du solltest das Stadttheater mal besuchen bzw. eine Vorstellung darin. Beide Häuser sind vor einigen Jahren aufwendig restauriert worden.

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  2. Lacarian

    Eine Wohnung in der Marzipanstadt? Wie spannend! Ich wohne jetzt schon seit dreieinhalb Jahren hier, aber im Stadttheater war ich bis jetzt noch nicht. Dabei arbeite ich fast direkt nebenan… Schön, dass Ihr ein schönes Wochenende hattet und Euch vom Schnee nicht habt hindern lassen!

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  3. Frau Momo

    Madame Butterfly war meine zweite Oper, in die mich mein Vater als Kind gezerrt hat… seitdem sind mir Opern gründlich verlitten.

    Herzlichen Glückwunsch zum Erwerb der Wohnung. Möge es eine gute Geldanlage sein.
    Ich hab unserer gerade gestern etwas verbessert, in dem ich nun doch den erstandenen Herd selber angeschlossen habe und heute sogar mit der Stichsäge die Arbeitsplatte etwas bearbeitet habe. Selbst ist halt die Frau, wenn der Kerl nicht da ist 🙂

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  4. Hans-Georg

    @Frau Momo:
    Die Oper ist für ein Kind sicher stinklangweilig. Für uns Erwachsene entbehrt sie nicht einer gewissen Spannung, die ja ganz langsam aufgebaut wird.
    Kinder muss man sehr vorsichtig an Opern heranführen, wie wir es damals mit unserem Sohn auch gemacht haben. Zar und Zimmermann z.B. – eine komische Oper, die auch kindgerecht ist, vorausgesetzt, dass das Kind auch schon ein gewisses Alter hat.

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