Der Staub der Jahrzehnte

Der Verkauf eines Hauses entlastet auch von alten Akten. Einen Karton voll mit alten Akten bekam ich nach dem Tod meiner Tante, die auch an dem Haus beteiligt war, zur Aufbewahrung überbracht. Gut, ich hätte mir den Papierkram auch schon mal früher ansehen können. Aber es ergab sich kein Handlungsbedarf. Der Karton stand im Keller und war da gut aufgehoben.

Platzbedarf im Keller und die Tatsache, in dem Karton noch Dinge zu finden, die vielleicht von Interesse für den Käufer sein könnten, ermunterten mich heute dazu, einen schmalen Aktenordner und einen Schnellhefter zur Hand zu nehmen und mal reinzuschauen.

Im Ordner fand ich Mietverträge von Leuten, die längst nicht mehr in dem Haus wohnen. Aber ich fand auch einen Mietvertrag von dem Mieter, der inzwischen fast schon zum Inventar gehört und der am längsten in dem Haus wohnt. 1975 ist er eingezogen. Das Formular des Mietvertrages wurde noch handschriftlich ausgefüllt. Es ist sicher eine Kopie. Denn alle Mietverträge wurden dem Käufer bereits übergeben.

Im Schnellhefter wurden alte Versicherungsunterlagen aufbewahrt, u.a. Kopien von Übverweisungsformularen, die mit der Schreibmaschine ausgefüllt worden sind. Macht das heute noch jemand?

U.a. fand ich auch eine Postkarte mit der Mitteilung einer Versicherung, mit der Schreibmaschine geschrieben, aus dem Jahr 1963, die an meine Grossmutter adressiert war, die ja mal Eigentümerin des Hauses war. Ich zögerte einen Moment, sie dem Reisswolf zu übergeben. Aber warum sollte ich sie aufbewahren? Ich würde sie mir nie wieder ansehen. Und eines Tages, wenn ich selbst entsorgt werde, würde sie zusammen mit anderem überflüssigen Ballast im Papiercontainer landen.

Neben der besagten Postkarte und der uralten Mietverträge wurden heute noch viele Seiten mehr dem Reisswolf übergeben, mit dem Ergebnis, dass dieser einmal seinen Dienst versagte, weil er heiss geworden war. Desweiteren hat sich hier eine feine Staubschicht niedergelassen. Vielleicht die Rache des Hauses, weil wir es nun so einfach verkauft haben?

Im Keller liegen noch einige Ordner mehr, deren Inhalt gesichtet und ggf. vernichtet werden muss. Papier, dass zu kleinen Streifen zerschnitten wird und als Ergebnis Staub verursacht, Staub, der Geschichte geschrieben hat. Denn eins ist klar: Das Haus hat viel gesehen und erlebt. Aber jetzt ist es eben Geschichte.

4 Gedanken zu „Der Staub der Jahrzehnte

  1. Lacarian

    Das ist Nostalgie! Ich mag es, es so alten Singen zu stöbern, zu denen man zumindest ein wenig Bezug hat. Alte Gegenstände, an denen ein Stück persönlicher Geschichte haftet, Papierfetzen, die allein schon eine Geschichte erzählen können.

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  2. Hans-Georg

    @Lacarian:
    Es gab Momente bei der Papierverarbeitung, in denen ich meine Grossmutter vor Augen hatte. Das war schon ein wenig merkwürdig.
    @Rainer:
    Ich sehe das schon als Geschichte. Denn das Haus gehörte einst meinen Grosseltern. Mein Vater und seine beiden Geschwister sind dort augewachsen. Mein Grossvater hatte in dem Haus sein kleines Geschäft.
    Oma wurde 1 x in der Woche besucht, dort traf ich meine Cousine, die nebenan wohnte. Und bei Oma und Opa wurde auch ab und zu mal übernachtet.
    Ich selbst habe mit meiner Frau auch 5 Jahre in dem Haus gewohnt.
    Eine Geschichte ist eine andere, wenn ein Haus einem Investor gehört oder einer Familie, die ihr eigenes Haus mit Leben erfüllt hat.

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  3. Lutz & Tommy

    Das Haus meiner Großeltern und ihrer Geschwister wurde vor Jahren auch verkauft. Ich habe zwar nicht selbst darin gewohnt, aber meine Großeltern, die ich oft besucht habe. Da spielen schon Emotionen und Erinnerungen mit. Zum Glück wurde das Haus an einen guten Investor verkauft, der es denkmalgerecht saniert hat und in dem die Mieter sich wohl fühlen.

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