Die letzte Nacht


So, der erste Tag des neuen Jahres ist schon wieder halb vorbei, Zeit ein Fazit zu ziehen. Nein, nicht über das vergangene Jahr. Es soll einer kleiner Bericht über den Silvestertag und die ersten Stunden des neuen Jahres werden.

Bis gestern mittag war ich im Büro. Und ob man es glaubt oder nicht – ich musste sogar arbeiten. Schifffahrt und Feiertage bzw. Vorfeiertage vertragen sich in vielen Fällen nicht. So musste noch das eine und andere kleine Problem aus der Welt geschafft werden. Ausserdem konnten wir sogar noch eins der Schiffe für eine kurze Reise befrachten. Es war kurz nach 13.00 Uhr als ich als letzter das Büro verlassen und mich auf den Heimweg machen konnte.

Bernd hatte schon alles für den gemütlichen Abend vorbereitet, d.h. den Fonduetisch gedeck. Ich brauchte mich nur noch um ein paar lukullische Dinge zu kümmern, wie einen Farmersalat zuzubereiten und die Himbeersauce für selbstgemachte Eis zu pürrieren. Bei der Sauce war mit die Flotte Lotte eine grosse Hilfe, die ich von Oliver und Sabrina zu Weihnachten bekommen hatte. In 3 Minuten waren die Himbeeren durch die Lochplatte gepresst – eine Arbeit, für die ich früher mindestens die zehnfache Zeit benötigt habe (Himbeeren mittels eines Kochlöffels durch ein Haarsieb zu streichen ist einach unglaublich anstrengend und zeitaufwendig).

Das Wetter war winterlich kalt und sonnig. Ich brauchte einen freien Kopf, wofür ein kleiner Spaziergang an den grossen Strom immer geeignet ist. Jacke angezogen, Kamara geschnappt – und auf gings. Wiedermal gelang es uns, ein paar überraschende Stimmungen einzufangen. Und im kleinen Hafen hatte sich bereits Eis gebildet, auf dem Möwen und Enten schon stehen konnten ohne einzubrechen.


Guten Mutes und beherzt nahm ich zu Hause noch eine Jahresendreinigungsdusche – ein Ritual seit ganz vielen Jahren. Der alte Dreck muss weg, sauber und rein will ich in das neue Jahr kommen.

Bevor wir mit unseren Nachbarn das hiesige Theater aufsuchten, machten wir gemeinsam eine Flasche Prosecco leer. Wir wollten schliesslich dem angekündigten Musicalabend beschwingt beiwohnen. Um die Stimmung zu vertiefen gab es vor der Vorstellung im Theaterfoyer noch ein Glas Sekt. Erwartungsvoll nahmen wir unsere Plätze ein und harrten dem Beginn der Vorstellung.

Der Vorhang öffnete sich, auf der Bühne befand sich eine spärliche Dekoration, passend zum Musical Tanz der Vampire. Ein Sänger, der nicht singen konnte und fast nur schiefe Töne zustande brachte, tänzelte zu einem Song aus Cabaret zwischen den Grabsteinen umher – eine bizarre Szene. Ein Confrencier im Strassenanzung erschien auf der Bühne. Er wurde aus dem Publikum erstmal angemacht, die Musik sei zu laut. Er versprach, das mit dem Tontechniker zu regeln und kündigte tatsächlich ein Stück aus dem Musical an, zu dem die Bühne passen dekoriert war, Tanz der Vampire. Aber anstatt einenen Song zu bringen, nämlich etwas flottes, wie es einem Silvesterabend gerecht sein würde, brachte eine Sängerin was aus der Kategorie „Arie“ zu gehör. Hören konnte man sie aber erst, nachdem der Tontechniker sich bequemt hatte, den Regler für ihr Mikro aufzuziehen. Zwischen den Grabsteinen ging es dann weiter mit Liedern aus dem Musical Elisabeth. Sissi auf dem Friedhof sang dementsprechende Songs. Es schien, als wollte man das alte Jahr auf der Bühne zu Grabe tragen.

Nach 30 Minuten wurden wir durch die Pause, die erst für nach 60 Minuten angekündigt war, erlöst, in der Hoffnung, dass es nach der Pause silvestermässig schwungvoll weitergehen würde. Ein weiteres Glas Sekt sollte uns für den 2. Teil vorbereiten. Aber weitgefehlt. Die Tonanlage hatte Aussetzer, die Protagonisten wurstelten sich in einer neuen spärlichen Kulisse in schlechtsitzenden Kostümen irgendwie über die Zeit. Der Conferencier meinte, es solle nun schwungvoll weitergehen, es sei ja Silvester. Stattdessen machte die Tonanlage schwungvoll weiter Probleme. Und die dargebotenen Stücke waren auch nicht viel besser als vor der Pause. Plötzlich und unerwartet standen die Darsteller aufgereit an der Rampe und wollten den Schlussapplaus entgegennehmen, der dann auch huldvoll einsetzte. Es gab dann noch eine Zugabe, die eigentlich keiner mehr hören wollte. Ende – aus – und das ca. 45 Minuten vor dem angekündigten Ende der Vorstellung. Eine wahrlich jämmerliche Vorstellung! Es war Provinztheater höchsten Grades. Wir sollten unser Geld zurückverlangen. Ein Teil der Zuschauer hatte das Theater in der Pause bereits verlassen.

So kam es dann, dass wir bereits um vor 20.00 Uhr bereits zu Hause waren, eine Zeit, zu der wir hätten eigentlich noch im Theater sitzen sollen. Wir trafen letzte Vorbereitungen für das Fondue mit unseren Nachbarn und hatten dann einen wirklich gemütlichen Abend mit albernen Hüten auf dem Kopf (woher kommt eigentlich dieser Brauch, sich am Silvesterabend kleine Hütchen aufzusetzen?).

Um Mitternacht begrüssten wir das neue Jahr mit einem Glas Champagner und den obligatorischen Berlinern und beobachteten das Feuerwerk, das um uns herum in die winterlich kalte Nacht geschossen wurde. Um die bösen Geister zu vertreiben, zündeten wir das letzte Tischfeuerwerk, das wir für diesen Zweck übriggelassen hatten, in der Hoffnung, dass der Knall laut genug war, die bösen Geister zur offenen Terrassentür hinauszutreiben. Das anschliessende Bleigiessen sollte uns eine Vorhersage für das neue Jahr bringen. Aber wie meistens kommt da nichts gescheites bei raus. Und am nächsten Tag hat man eh vergessen, was das Ergebnis der Deutung des entstandenden Bleiklumpens gewesen ist.

In vielen Blogs steht zu lesen, dass die Leute nichts mit einer Silvesterfeier anfangen können. Auf Knopfdruck lustig sein, das wäre nichts für sie, so eins der Argumente. Eine Silvesterfeier kann man – so wie wir – auch ganz ruhig gestalten. Ein Hütchen auf dem Kopf macht noch nicht unbedingt lustig, auch wenn es zur Kurzweil des Abends beiträgt. Ob es lustig wird oder nicht, ist nicht vorhersehbar. Wir sehen so einen Abend einfach als Zusammenkunft mit netten Menschen, untermalt mit etwas Deko und mit Dingen, die man Silvester eben so machen kann.
Wir haben nicht übermässig viel getrunken und sind gesund und ohne Schaden zu nehmen in das neue Jahr gekommen.

Nicht alle haben die Silvesternacht schadlos überstanden. Recht humorvoll berichtet Oliver, was ihm widerfahren ist.

Wir wünschen allen, dass sie im neuen Jahr gesund bleiben.

7 Gedanken zu „Die letzte Nacht

  1. Frau Momo

    Ein gutes neues Jahr wünsche ich Euch. Wir sind auch ohne weitere Zwischenfälle ins neue Jahr gerutscht und das obwohl wir am Hafen waren.
    Schöne Bilder. Sehr stimmungsvoll. Danke.

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  2. Nicole

    Unbekannterweise auch Euch ein frohes Neues Jahr.
    Schade, dass das Theater bescheiden war, dafuer gab’s dann ja die schoenen Fotos 🙂
    Und na, hoffen wir, dass das mit dem Tischfeuerwerk geholfen hat 😉

    Auf Knopfdruck lustig sein kann ich auch nicht, aber gegen eine schoene Feier ist nix einzuwenden 🙂

    Alles Gute, Nicole

    (Gefunden via April)

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  3. Lutz und Tommy

    Wir Zwei vom oberen Teil der Elbe wünschen Euch alles Gute im neuen Jahr.

    Den Bericht haben wir interessiert gelesen und die tollen Fotos bewundert, wobei uns auch diesmal wieder der Designer-Sektkübel besonders ins Auge stach. Sehr chic!

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  4. kalle

    Hi Hans-Georg,

    was war das nur für eine Musicalshow, die euch so enttäuschte? Dafür war der Rest des Abends um so schöner. Nur den Brauch mit den Hüten kenne ich nicht, ist das im Norden Tradition?

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  5. Hans-Georg

    @Kalle:
    Es gibt uralte Familienbilder, also aus den 50ern, auf denen meine Altvorderen mit so dämlichen Hüten zu sehen sind. Und Hütchen werden überall zu Silvester zum Kauf angeboten. Wenn ihr das nicht kennt, dann ist es wahrscheinlich etwas, was es nur in bestimmten Gegenden gibt.

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