Deutschland liebt es seicht


Diese Fassade wird es so bald nicht mehr geben. Wie nämlich jetzt zu erfahren war, wird das Musical „Phantom II – Liebe stirbt nie“ im Herbst mangels ausreichender Zuschauerzahlen abgesetzt. Vom künstlerischen Aspekt ist das unverständlich, wird doch auf der Bühne eine tolle Show mit ersklassigen Stimmen geboten, eine Story, die unter die Haut geht und tragisch endet und an deren Ende man sich die Tränchen trocknet.

Aber gehobene Unterhaltung wird vom Deutschen Musicalpublikum nicht geliebt. „Phantom II“ ist damit das 3. Musical, welches gefloppt ist, nach „Titanic“ und „Rebecca“. Bunt, lustig und ein wenig albern soll es zugehen auf der Bühne, da steht der Deutsche drauf, dann ist ihm kein Preis zu teuer um für ein volles Haus zu sorgen. Ich unterstelle dem Deutschen Musicalpublikum einfach mal, dass es zum großen Teil ähnlich flach ist, wie die Witze, die in einigen Musicals gebracht werden. Man schaut halt lieber Operette als Oper.

Wirklich sehr schade, dass das Phantom in den Katakomben verschwindet.

6 Gedanken zu „Deutschland liebt es seicht

  1. Gerrit

    Mal ehrlich: Ein Stück, dessen Broadwayaufführung komplett abgesagt wurde, weil die Besucherzahlen am Ort der Welturaufführung in London so mies waren, dass es hier auch nur für knapp ein Jahr gereicht hat, scheint doch generell nicht so der Bringer zu sein. Egal, ob es nun lustig oder ernster zugeht.

    Und wenn ich mir mal die Inhaltsangabe anschaue – die Story ist ein Schlag ins Gesicht von Gaston Leroux, dem wir die wunderbare literarische Vorlage zu verdanken haben. Sein Erik wäre niemals in eine so rohe Stadt wie New York gegangen – nicht nur, weil es nicht zu ihm gepasst hätte, sondern weil er gestorben ist und von Christine höchstselbst beigesetzt wurde. Ende. Aus. Finis. Und hier setzt es doch schon an: Herr Lloyd-Webber hat das Phantom bereits im ersten Versuch total verseichtet, indem er mit Eriks spurlosem Verschwinden am Ende die Möglichkeit für ein Überleben gelassen hat.

    Es ist wohl richtig, man mag es seicht: Ein Musical muss auf Biegen und Brechen ein Happy End oder zumindest ein versöhnliches haben – egal, was der Originalautor vorgesehen hat und wie sehr es alles konterkariert, was vorher in der Story passiert ist. Deswegen ist wohl auch „Sunset Boulevard“ nicht so wirklich dolle hier gelaufen: Der Held wurde erschossen, die Heldin hat komplett einen an der Murmel – quelle honte!

    „My fair Lady“ wird ja auch ständig mit dem Alternativ-Ende inszeniert (es wurden zwei geschrieben), bei dem Eliza zu Professor Higgins zurückkehrt. Was völliger Schwachsinn ist, wenn man rekapituliert, wie mühsam sie sich von ihm emanzipiert hat. Dieses Ende hat ja auch George Bernard Shaw, den Verfasser der Vorlage „Pygmalion“ zu Recht völlig entsetzt und er hat (man möchte fast sagen: leider) erfolglos versucht, das Musical zu verhindern. In „Pygmalion“ geht Eliza auch in der Schlussszene wieder, was die einzig logische Folge aus des Profs Benehmen sein kann. Ich bin froh, „My Fair Lady“ gleich zweimal in der Inszenierung von Regisseuren gesehen zu haben, die den Mut hatten, sich für das richtige Ende zu entscheiden: Eliza dreht sich bei dem „Bring mir meine Pantoffel“-Befehl in der Schlussszene um und geht endgültig.

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    1. Hans-Georg

      Als ich gelesen habe, dass Phantom II in London und in Australien gefloppt ist, habe ich mich gefragt, warum man es denn nun in HH auch noch versucht hat. Der 1. Teil ist ja wohl unschlagbar und man hat gehofft, daran anknüpfen zu können.
      Eine literarische Vorlage muss nicht unbedingt bühnentauglich sein und muss auch nicht unbedingt dem Publikumsgeschmack entsprechen. Was auf der Bühne zählt, ist allein die Ausstattung und wie die Story ankommt. Bei verfilmten Romanen ist es doch ähnlich: Viele, die ein Buch gelesen haben, sind vom Film dann enttäuscht.
      Die meisten Musicalbesucher haben Unterhaltung um Hinterkopf, Unterhaltung mit flotten Melodien, Spaß und Happy End.
      Bleiben wir mal bei My Fair Lady, eins der der ersten, wenn nicht DAS Musical überhaupt, welches im Gedächtnis geblieben ist: Egal welches Ende der Regisseur wählt – es sind eingängige Melodien und die Texte haben einen gewissen Spaßfaktor, auch wenn der Hintergrund gar nicht so spaßig ist. Das Ende bleibt den meisten Zuschauern gar nicht so im Gedächtnis, die Hauptsache ist „ich werde unterhalten“.

      Wie auch immer, wir waren von Phantom II ziemlich beeindruckt und ich bin mir sicher, dass wir es uns vor der Dernière noch mal anschauen werden.

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    1. Hans-Georg

      Das ist DEINE ganz persönliche Meinung. Dass das so nicht stimmt widerlegt die Tatsache, dass nur die seichten Musicals lange laufen während die anspruchsvollen leider nicht angenommen werden.
      Ich vermute, dass du noch nie ein Musical gesehen hast.

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    2. Anne

      Und alle Opern sind höchste Kultur, klar. (Wunderbare Kritik der höfischen Oper im Film „Amadeus“: „so erhaben, dass sie sich anhören, als ob sie Marmor schei*en“)
      Ich nehme mal an, dass du die im Rahmen des Musical-Booms in den 1990ern entstanden eher schnelllebigen in einen Topf wirfst mit Perlen wie „West Side Story“. Großartig verfilmt (10 Oscars 1961), die Handlung aktueller denn je…

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