ESC und Politik

Im Vorfeld des ESC in Baku ist es zu Diskussionen gekommen, nämlich ob er aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan dort überhaupt stattfinden dürfe. Die Frage ist eigentlich nicht, ob eine internantionale Veranstalung – welcher Art auch immer – in einem Land mit einem politisch fragwürdigen System stattfinden darf. Die Frage ist, ob so ein Land an internationalen Veranstaltungen überhaupt teilnehmen darf. Im Fall Aserbaidschan ist es so, dass mir vorher nicht bekannt war, dass es dort zu Menschenrechtsverletzungen kommt. Ich kann und will mich nicht mit den Verhältnissen in jedem Land der Erde beschäftigen. Insofern ist es gut, dass der ESC dort stattgefunden hat. Mir und vielen anderen Menschen wurden dadurch die Augen geöffnet.

Den in Baku auftretenden Künstlern war es untersagt, politische Statements abzugeben. Peter Urban als Kommentator hat während der Übertrage der Halbfinale auf die politischen Verhältnisse hingewiesen.

Am Ende der Übertragung aus Baku nahm Anke Engelke vor einem 120-Millionen-Publikum in aller Welt die Chance zur Kritik an Aserbaidschan wahr. Vor der Punktevergabe erklärte sie auf englisch:

„Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, abstimmen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich!“

Deutschland hat mit Anke Engelke eine Chance genutzt! Danke!

3 Gedanken zu „ESC und Politik

  1. Frau Momo

    Das ist natürlich auch ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist. Jetzt weiß es jeder. Nur was im Vorfeld des ESC dort passiert ist, war schon ziemlich verheerend für viele Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, die plötzlich obdachlos waren, nur damit Baku sich aufgebrezelt präsentieren konnte. Viele Festnahmen gab es ebenfalls. Und das hat der ESC nicht verhindert, sondern das ist erst durch ihn entstanden. Aus diesem Grund war ich für einen Boykott. Denn der ESC ist ja vor allem eins: Ein riesen Geschäft. Und ein Land wie Aserbaidschan sollte zwar in das Bewußtsein der Menschen, sich aber durch so ein Event nicht aufwerten dürfen.

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  2. Ossi

    Ich seh das alles mittlerweile sehr viel differenzierter. (Was so viel heißt wie: Ich kenn mich nicht mehr aus und weiß nicht, was ich denken soll.) Das Aserbaidschan-Bashing kam ja durchwegs von westlichen, v.a. deutschen Journalisten, die noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt hatten. Sehr interessant fand ich, daß jene Medienvertreter, die tatsächlich vor Ort waren beim ESC, plötzlich eine andere Sicht auf die Dinge hatten. Nicht mehr schwarz/weiß, sondern sehr viele Grautöne.

    Das Negative läßt sich ja nicht wegleugnen, das ist unbestritten. Andererseits: Politische Gefangene gibts auch bei uns. Auch bei uns gibts Polizeieinsätze gegen Demonstranten, die sich in den TV-Berichten gar nicht schön machen.

    Vor allem aber: Das schiitische Aserbaidschan ist unter der derzeitigen Führung zu einem Land geworden, in dem es gelebte Religionsfreiheit gibt, in dem Vereine für Schwule und Lesben mit ausrücklicher staatlicher Anerkennung arbeiten, in dem radikal-religiöse Anschauungen keine Chance haben. Was wäre passiert, hätte man den Menschen dort nach dem Ende der UdSSR einfach einen Stimmzettel in die Hand gedrückt und ein zu 100% demokratisches System nach westlichem Muster eingeführt? Kann jemand wirklich garantieren, daß wir dann nicht mittlerweile dort einen zweiten Iran hätten, in dem es nur Allah und sein Gesetz gibt, in dem keine Synagogen neu errichtet, sondern Israel attackiert wird? In dem Schwule nicht in staatlich anerkannten Vereinen zusammenfinden, sondern gesteinigt werden?

    Anke Engelke – ich mag sie. Aber ich fand ihre Äußerung unpassend und entbehrlich. In Aserbaidschan selbst hat allein wegen der Sprachbarriere niemand sie verstanden. Es war eine PR-Aktion in eigener Sache (alle finden sie jetzt toll), sonst nichts.

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  3. Gudrun

    Ich halte nichts von Boykotten. Das ist nicht gut für Sportler, Künstler und alle friedlichen Kontakte. Freiheit und Demokratie können sich nur durchsetzen, wenn man sie selber (vor)-leben kann. Als ehemaliger DDR-Bürger weiß ich, wovon ich rede.

    Liebe Grüße von der Gudrun

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