Lange Nacht

Den ganzen Tag lang war ich ungewöhnlich müde und matt. Vielleicht lag es am Wetter. Am Wochenende lag es jedenfalls nicht. Nur kurz war ich abends am Rechner. Statt dessen setzte ich mich auf den Balkon und schaute am blauen Himmel den Schwalben zu und den Flugzeugen nach. Gegen halb elf gingen wir schlafen.

Ich muss wohl gerade eingeschlafen gewesen sein als ich aufwachte und eine Melodie wahrnahm. Bevor mir richtig bewusst geworden war, dass es mein Handy ist, was da den Torreromarsch aus der Oper Carmen von sich gab, rüttelte Bernd schon an mir: Dein Telefon! – Ja doch! Mist! Einer unserer Kapitäne war dran. Er sollte Ladungspapiere für eine Ladung Weizen unterschreiben, allerdings wurden 2 verschiedene Qualitäten genannt und beide Sorten waren vermischt geladen worden. Das geht natürlich nicht. Ich sagte ihm, dass er einen Vermerk auf die Papiere machen soll, dass das Schiff nicht für die Vermischung der Ladung verantwortlich ist. Ich legte mich wieder ins Bett. Nach ein paar Minuten hiess es wieder „Auf den in Kampf“ und es wurde dann tatsächlich ein Kampf. Insgesamt 2 Stunden führte ich diverse Gespräche mit dem Kapitän und dem Schiffsagenten. Es ging so weit, dass ich dem Mitarbeiter der Agentur Betrug vorgeworfen haben. Ein letzter Vorschlag von mir, dass die Agentur die Papiere am nächsten Tag unterschreiben soll wenn wir die Sache mit allen Beteiligten in aller Ruhe geklärt haben und damit das Schiff mit dem Morgenhochwasser seine Reisen antreten kann, wurde abgelehnt. Ich wusste eigentlich schon, was jetzt passieren müsste, doch wollte ich mir für diesen Schritt grünes Licht von meinem vorgesetzten Kollegen holen: Das Schiff würde bis zum Dienstag Nachmittag – dem nächsten Hochwasser, warten müssen und wir würden die Sachlage bis dahin klären. Per bestätigte mir dieses Vorgehen. Ich rief an Bord wieder an und gab unsere Entscheidung bekannt. Als erstes wurde ich für die Verzögerung und für die daraus entstehenden Kosten verantwortlich gehalten. Es war mittlerweile halb eins am Dienstag morgen und ich konnte endlich schlafen.

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