Die Donnerstagsfrau

Ich begene ihr immer morgens auf meinem Weg zur Arbeit, den ich zu Fuss zurücklege. Immer nur Donnerstags, immer auf dem gleichen Stück des Weges. Sie hat einen leicht trippelnden Gang, sie ist vermutlich über 60 Jahre alt, sie sieht nett aus. Wir schauten uns immer nur kurz an, wenn wir uns begegneten. Eines Tages gab es einen nebensächlichen Anlass sie anzusprechen. Seitdem erzählt sie mir in 1 – 2 Minuten, was sie in der letzten Woche erlebt hat. Inzwischen weiss ich von ihr, dass sie ehrenamtlich in einer in der Nähe gelegenen Klinik arbeitet, und zwar nur Donnerstags.

Seit mehreren Wochen hatte ich sie nicht mehr gesehen und ich machte mir schon Sorgen. Ja, ich habe sie vermisst, Donnerstags, auf meinem Weg zur Arbeit. Ich weiss, wenn ich sie treffe, dass die Woche schon wieder fast vorbei ist und das Wochenende naht. Ausserdem ist es schön, auf dem Weg zur Arbeit etwas menschliche Wärme zu geniessen, denn das ist es, was sie ausstrahlt.

Auch heute Morgen traf ich sie wieder nicht. Ich schaute in die Seitenstrasse, aus der ich sie manchmal kommen sah, Wir winkten uns dann zu, wenn wir nicht gerade mit Regen und Wind zu kämpfen hatten. Wo ist sie nur, meine Donnerstagsfrau?

Aber heute Abend war sie da. Wir haben uns noch nie abends getroffen. Wir begegneten uns da, wo wir uns immer treffen, nur sie ging auf der anderen Strassenseite. Unsere Blicke trafen sich, wir winkten uns zu. Ich rief über die Strasse, dass ich sie vermisst habe. Sie antwortete etwas. Die vorbeifahrenden Autos verschluckten ihre Worte. Ich ging zu ihr hinüber. In 2 Minuten erfuhr ich, dass sie krank gewesen war, dass sie im Moment mit der Bahn zur Arbeit fährt, aber dass wir uns bald wieder treffen würden. Ich freue mich – auf meine Donnerstagsfrau.

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