Selbstgewählte Ghettoisierung

Amerikanische Kreuzfahrtreedereien bieten es schon ein paar Jahre an: Kreuzfahrten für Schwule. TUICruises ist nun die erste Reederei, die sowas auch für den deutschsprachigen Raum anbietet, eine Kreufahrt für die sogenannte LGBT-Community.

Wer braucht denn sowas?: Ich kann mir schon vorstellen, dass es ausreichend Interessenten gibt, die sich davon versprechen, sich mal so richtig durch die Decks zu poppen. Mit ungestörtem Urlaub unter Seinesgleichen wird das wenig zu tun haben. Ich sehe gerade Bilder in meinem Kopf, wie lüsterne Menschen unter und an Deck hin- und hercruisen und mit ihren Blicken andere Passagiere ausziehen. Ich sehe kreischende Tunten bei den Musikveranstaltungen, laut „Er gehört zu mir“ singen, ich sehe gebrochene Handgelenke und aufgetakelte Typen.

Der Schwule sucht sich wieder mal seine eigene Welt statt sich unter die Menschheit zu mischen und zu zeigen, dass er nicht anders ist wie Du und Du und Du, statt zu zeigen, dass es nicht notwendig ist, sich eine eigene Welt zu schaffen, satt zu zeigen: Seht her, hier sind wir, wir sind ein Teil der Gesellschaft!

Mein Mann und ich haben uns auf unseren bisherigen 3 Kreuzfahrten sehr sehr wohl gefühlt, inmitten von etwa 2000 anderen Menschen. Möglicherweise sind wir von einigen etwas missfallend angeschaut worden, vielleicht wurde hinter unserem Rücken auch über uns geredet. Na und? Das ist uns total egal. Wir verstecken uns deshalb nicht mit etwa 2000 anderen Schwulen und Lesben 1 Woche auf einem Schiff. Wir machen weiterhin unsere normalen Kreuzfahrten.

9 Gedanken zu „Selbstgewählte Ghettoisierung

    1. Hans-Georg

      Nun ja, es gibt leider immer noch reichlich von denen, die uns nicht akzeptieren. Wenn wir uns aber immer wieder solche „Extrawürste“ herausnehmen, wird es doch nie was mit der Akzeptanz.
      Der einzige Grund, an so einer Kreuzfahrt teilzunehmen, ist in meinen der, das „riesige Fleischangebot“ auszunutzen.

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  1. Wolfi

    „..Ich sehe kreischende Tunten bei den Musikveranstaltungen, laut „Er gehört zu mir“ singen, ich sehe gebrochene Handgelenke und aufgetakelte Typen.“

    *lol*

    Ja, eh.
    So kanns durchaus zugehen…Ich hätte auch diese Vorahnungen. Könnte allerdings auch anders sein, ich denke das kommt auf das Schiff bzw. das angebotene Programm an. 😉

    Aber grundsätzlich sehe ich auch keinen Mehrwert, warum ich *ausschließlich* mit Knickhändchen und Dekollettengriffen einen Urlaub verbringen sollte. Nein…Eigentlich gruselt’s mich sogar ein wenig bei diesem Gedanken. :-))

    Diese selbst auferlegte Limitierung an neuen Menschenbekanntschaften finde ich sehr dumm: ist ein Mensch denn nur dann grundsätzlich interessant, wenn er die selbe sexuelle Orientierung hat?
    *händevorsgesichtfalt* (oder auf neudeutsch: *facepalm*) *gg*

    Schähnes Wochnend da oben!
    Die Südhasen 🙂

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  2. Ralf

    Merkt Ihr eigentlich gar nicht, wie viel Antipathie gegen Schwule aus Euren Aussagen spricht? Im Drang, bloß ja nicht anders zu sein als die Mehrheit (außer im stillen Kämmerlein im Bett) habt Ihr schon jedes Klischee, insbesondere das von den schrillen Tunten und den sexsüchtigen Dauerrammlern, übernommen. Kann es sein, dass man Euch nächstens bei Demos der „Besorgten Eltern“ sehen wird?

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    1. Hans-Georg

      Ralf, kann es sein, dass du ein Kampfschwuler bist?
      Im übrigen habe ich kein Klischee übernommen. Ich habe es selbst gesehen:
      https://queergedacht.de/2006/09/alstervergnuegen-2006/
      Wir sind geflüchtet weil es unerträglich war.
      Und sexsüchtige Dauerrammler findest du doch überall wo Schwule zusammenkommen.
      Wir haben nicht den Drang, nicht anders zu sein. Allein schon deshalb fallen mein Mann und ich auf weil er 16 Jahre jünger ist als ich ( und komm jetzt nicht wieder damit, dass er offiziell gar nicht mein Mann ist!).
      Von Anthipathie gegen Schwule kann keine Rede sein. Sollen sie doch kreischen und rammeln so viel und so oft sie wollen. Aber mit 2000 – in Worten: zweitausend – Schwulen jedweder Coleur (inklusive kreischende Tunten und Dauerrammlern) in einem Raum, aus dem es keine Fluchtmöglichkeit gibt, es sei denn, man springt über Bord, möchte ich meinen Urlaub nicht verbringen!

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    2. ossi1967

      Ralf, einerseits muß man Dir entgegen halten: Schwule *sind* nicht anders als die Mehrheit. Schwulenfeindlich sind tatsächlich die, die die Klischees von den schrillen Tunten und den sexsüchtigen Dauerrammlern für sich übernehmen (aus welchen gründen auch immer) und so die Deutungshoheit über den Begriff „Homosexualität“ in der Öffentlichkeit an sich reißen. Genau dieses verlogene Pack ist es, das auch mir selbst maßlos auf die Nerven geht.

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    3. Wolfi

      Nein, Ralf – ich mag Schwule natürlich schon und bringe ihnen mit meinen. Aussagen keine Antipathie entgegen.

      Wäre ja ein bisserl doof, eigentlich.

      Ich erlaube mir nur die Aussage, dass ich kreischende Tucken auf einem Urlaubsschiff nicht mag.

      Da musst Du schon richtig lesen.
      🙂

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  3. Ralf

    Hans-Georg, abgesehen davon, dass mein Mann und ich noch mehr auffallen, weil zwischen uns sogar 20 Jahre liegen… Es ist ja jedem unbenommen, von einem Angebot Gebrauch zu machen oder nicht. Als sehr wenig hilfreich sehe ich aber an, wenn ausgerechnet Schwule sich zu Kronzeugen ihrer Gegner machen, die uns immer und immer wieder nur als sexuelle Wesen (im Sinne von: sexbesessen) wahrnehmen wollen und daraus ihre Ablehnung gesellschaftlicher Akzeptanz und rechtlicher Gleichstellung schöpfen.

    Ich bin vorigen Samstag aus München zurückgekommen. Dort habe ich eine wunderbare Adventswoche verlebt und die märchenhafte Weihnachtsstimmung auf den Weihnachtsmärkten genossen, auch auf dem schwulen auf dem Stephansplatz. Der hat sein ganz eigenes Flair, übrigens ganz ohne Sex. Und ich habe wie immer in der Deutschen Eiche gewohnt, über Europas größter Schwulensauna. Diese Sauna muss man nicht nutzen. Ich z.B. habe es nicht getan. Aber ich ziehe auch nicht lautstark ablehnend zu Felde gegen das, was dort geschieht.

    Bis weit ins Erwachsenenalter hinein habe ich von Heten immer nur Ablehnung und Ausgrenzung erlebt. Ich wurde immer erkannt, an meiner naturgegebenen Art zu reden und mich zu bewegen, an meinen Interessen und Vorlieben. Und ich war immer Zielscheibe. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, dass vermeintliche Freundschaften in dem Moment abgebrochen wurden, in dem meine sexuelle Orientierung bekannt wurde. Und das war immer so. Es gab keine einzige Ausnahme. Da halte ich mich lieber unter meinesgleichen. Man mag das selbstgewähltes Getto nennen. Ich nenne es einen sicheren Raum.

    Wie gesagt. Es gibt besondere Angebote für Schwule. Die einen ergreifen sie, die anderen nicht. Aber ,mich erschüttert, mit welchen Worten hier Verachtung geäußert wird. Und – Heten haben natürlich keine Swingerclubs, keinen Sextourismus, und sie leben immer strikt nach kirchlicher Moral. Es ist schlimm, von religiös und politisch extremer Seite unausgesetzt Diffamierungen lesen und hören zu müssen. Noch schlimmer aber ist es, wenn unsersgleichen genau diese Diffamierungen wiederkäut.

    Mit kreischenden Tucken habe ich auch meine Probleme. (Bei mir selbst sind mit zunehmendem Alter die Stimme tiefer geworden und die Bewegungen weniger federboaartig.) Ich verfüge nicht über Informationen, dass jenes Schiff voller kreischender Tucken ist – und wenn… da keiner von uns dort an Bord zu gehen gedenkt, kann es uns egal sein und wir brauchen uns nicht gegenseitig in allen möglichen Negativphantasien hochzuschaukeln, wie furchtbar tuntig und dauergeil es dort sein müsse. Wenn Ihr so grausig normal seid, warum habt Ihr es dann nötig, Euch öffentlich zu distanzieren? Anscheinend habt Ihr Angst, Eure Normaloheterobekannten denken bei Schwulen auf Kreuzfahrt gleich an einen schwimmenden Puff und dann an Euch – kann das wohl Eure Tiraden erklären? Seid Ihr am Ende gar nicht schwul, sondern einfach nur heterophil veranlagt? Fehlt Euch das Selbstbewusstsein, das Ihr anderen nicht gönnt? Könnt Ihr nicht ertragen, was Spießbürger, echte oder vermeintliche, an Klischees, die ihnen einfallen, wenn sie an Schwule denken, auf Euch projizieren könnten? Braucht Ihr die Sicherheit, dass man über Euch sagt: „Na ja, die sind andersrum, aber sonst vollkommen normal“?

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    1. Hans-Georg

      Lieber Ralf, ich sehe es als wenig hilfreich an, wenn wir Schwulen uns immer und überall ausgrenzen (siehe die Überschrift „Selbstgewählte Ghettoisierung“). Einzig und allein darum geht es mir. Meinetwegen können schrille Tunten und sexsüchtige Dauerrammler überall dort auftreten wo sie meinen, das tun zu müssen. Apropo „schrill“, das ist übrigens eines der Schlagworte mit denen der Veranstalter wirbt.
      Es wäre hilfreich, wenn wir uns (schrille Tunten und sexsüchtige Dauerrammler eingeschlossen) mitten in der Gesellschaft zeigen würden. Aber davor haben diese Menschen wohl Angst, Angst davor, das Klischee des Schwulen zu bedienen.
      Wir brauchen keinen schwulen Bereich, weder auf einer Kreuzfahrt noch auf einem Weihnachtsmarkt oder in einem schwulen Hotel, um uns wohlzufühlen. Wir zeigen unsere Homosexualtität inmitten der Gesellschaft. Jeder kann sehen, dass wir schwul sind. Und wenn jemand damit nicht klarkommt, ist uns das scheissegal. DAS ist unser Selbstbewusstsein!
      Es geht mir nicht um Diffamierung. Wie gesagt: Jeder kann so sein wie er möchte. Ich möchte nur nicht, wie bereits mehrfach erwähnt, mit 2000 feierwütigen und sexsüchtigen Menschen auf einem Schiff eine ganze Woche meinen Urlaub verbringen. Wer meint, dass er daran Spaß hat – bitteschön. Der kann durch die Decks cruisen oder kreischend in den Pool springen. Na, der wird ja abends mit einem Netz geschützt.

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