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Sunset Boulevard in Lübeck


Sunset Boulevard – man denkt unweigerlich an Musik, Tanz und Spaß wenn man das liest oder hört. Ist es aber nicht, jedenfalls nur zum Teil. Sunset Boulevard ist ein Musical, welches von großer Dramatik und großen Gefühlen lebt, fast schon in Richtung Oper, womit dieses Stück damit nicht allein auf den Bühnen dieser Welt steht. Titanic, Rebecca, Phantom der Oper I und II, um nur einige zu nennen, gehören ebenfalls in diese Kategorie.

Die Handlung in Kurzform:
Der Drehbuchautor Joe Gillis verirrt sich in den Garten der früheren Stummfilmdiva Norma Desmond. Norma leidet an Depressionen und lebt in der Erinnerung an ihre glamourösen Leinwandzeiten. Sie hat sich ein selbst ein Drehbuch geschrieben um wieder in Hollywood vor der Kamera stehen zu können. Nach einem Selbstmordversuch der Diva wird Joe ihr Liebhaber. Als Joe sich aus den Fängen von Norma befreit und sie verlassen will, wird er von Norma erschossen. Den Aufruhr am Tatort hält Norma im Wahn für eine Filmszene. Sie erscheint im Kostüm der Salome für die vermeintliche Filmaufnahme.

Das Theater Lübeck konnte Gitte Hænning für die Rolle der Norma Desmond zu verpflichten. Damit ist dem Theater ein großer Glücksgriff gelungen. Gitte spielt die Norma als wenn ihr die Rolle auf den Leib geschrieben wurde. Mit großer Ausdruckskraft gestaltet sie die Rolle, fasziniert saß ich im Theatersessel und verfolgte das Geschehen auf der Bühne. Gitte kennt man als Schlager- und Jazzsängerin, aber das sie eine so großartige Schauspielerin ist, hätte ich nicht vermutet.

In der Rolle des Joe Gillis steht Rasmus Borkowski auf der Bühne des Großen Hauses an der Beckergrube. Leicht und frisch schöpft er seine Rolle aus, ein toller Schauspieler, der schon in diversen Musicals auf der Bühne gestanden hat.

Max, der skurrile und leicht morbide Butler von Norma, wird hervorragend gespielt von Steffen Kubach. Er gehört dem Ensemble des Lübecker Theaters an. Bei aller Ernsthafigkeit verleiht er der Rolle eine gewisse Komik.

An den großen Musicalhäusern wäre das Bühnenbild sicher viel aufwendiger gewesen. Dafür kostet ein Platz in Lübeck in der 1. Kategorie auch nur 51 Euro. Und eigentlich war das Bühnenbild eher nebensächlich. Denn es war spannend, das beeindruckende Spiel der Protagonisten zu beobachten. Es war ein grandioser Abend. Und mit recht gab es am Ende minutenlangen jubelnden Beifall und standig ovations.

Du oder Sie?

You can say you to me! – Dieser Spruch wird Helmut Kohl zugeschrieben, der ja bekanntermaßen ein recht stümperhaftes Englisch spricht. Vermutlich hat er das nie so gesagt. Gesagt haben könnte das auch Heinrich Lübke, der zweite Deutsche Bundespräsident. Ihm werden ja auch so manche Sprüche nachgesagt. Ich wollte damit jedenfalls sagen, dass es in der Englischen Sprache das „Sie“, so wie wir es kennen, nicht gibt.

Als ich vor 23 Jahren in der Firma anfing, in der ich bis zur Rente tätig gewesen bin, wurde mir sofort das „Du“ angeboten, allen voran von den beiden Geschäftsführern. Gut, wir waren eine kleine Truppe von 9 Mitarbeitern inklusive der Geschäftsführer und Prokuristen. Zu der Zeit war es jedenfalls noch ziemlich unüblich, das intime „Du“ zu verwenden. Trotzdem hatten wir, die ganz normale Arbeitnehmer waren, Respekt vor der Geschäftsleitung.

In Telefonaten mit ganz Europa war es üblich, uns mit Vornamen anzureden. Und ja, teils kam es da schon mal zu ziemlich kontroversen Diskussionen. Einzig bei Telefonaten und im Schriftvekehr mit den Kapitänen wurde das distanzierte „Sie“ noch verwendet. Wobei das bei der Reederei, in der ich vorher gearbeitet habe, auch nicht mehr benutzt wurde.

Vor 41 Jahren lernten meine Frau und ich im Urlaub ein Ehepaar aus Dänemark kennen, welche so alt waren wie unsere Eltern. Es ergab sich eine jahrelange sehr schöne Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen mehrmals im Jahr. Evald, unser Freund, der ein recht gutes Deutsch sprach, erklärte uns, dass in Dänemark, ganz offiziell das „Sie“ abgeschafft worden ist, auch zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Ich glaube, die Dänen duzen sogar ihre Königin.

Ich erinnere mich an meine früheste Kindheit: Wenn meine Eltern Leute kennenlernten „siezte“ man sich, das gehörte sich schließlich so. Wenn sich dann ein längerer Kontakt ergab, ging man nicht einfach zum „Du“ über, nein, daraus wurde ein richtiger Akt gemacht, das Brüderschaft trinken, ein seltsamer Brauch: Mit einem Glas Schnaps, Bier – oder was man gerade so trank – in der Hand hakte man sich gegenseitig die Arme umeinander und jeder sagte seinen Namen (Ich heiße Paul!) den alle eh schon wussten. Dann trank jeder mit umeinanander gehakten Armen aus seinem Glas und dann küsste man sich noch auf die Wange. Ab jetzt durfte man sich mit „Du“ anreden, was manchmal schwierig war weil man sich an das „Sie“ doch gewöhnt hatte.

Wie locker ist das doch heute geworden. Wir haben hier in der kleinen Stadt an der Elbe viele nette Menschen kennengelernt. Als wir uns irgendwann mal bei irgendwem das erste Mal begegnet sind, haben wir uns selbst gegenseitig vorgestellt: Ich heiße Bernd! – und gut war’s. Letztens, auf der Silberhochzeit von Freunden trafen wir wieder neue Leute. Sie? Nee, es ging gleich zum Du. Ich habe da auch überhaupt keine Hemmungen

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit fällt es mir ziemlich schwer, überhaupt das „Sie“ zu benutzen, meist versuche ich irgendeinen Spagat wenn ich Menschen in meinem Umfeld anspreche. Es ist auch eine Frage des Gegenübers, wie locker oder wie distanziert die Menschen drauf sind. Das „Sie“ wird immer mehr verschwinden. Trotzdem kann man seinen Mitmenschen mit Respekt begegnen und trotzdem kann man unterschiedliche Meinungen im Geschäftsleben miteinander diskutieren.

Wie komme ich denn nun auf dieses Thema? Die FAZ hat darüber geschrieben.

Es wird noch Jahre dauern, bis das „Sie“ im Sprachgebrauch verschwunden sein wird. Besonders die Älteren Mitmenschen können sich das sicher nicht mit anfreunden. Aber es wird eines Tages soweit sein, da bin ich mir sicher.

Liebe Stirbt Nie – Derniere


Was für ein Abend! Das Musical Liebe Stirb Nie, die leider beim Publikum nicht beliebte Fortsetzung des Musicals Phantom der Oper, feierte eine glänzende Derniere im Operettenhaus Hamburg. Glänzend? Das sagt man doch nur bei einer Premiere, oder? Ich glaube die Aufführung am gestrigen Abend stand einer Premiere in nichts nach. Ausser das Phantom selbst, aber dazu komme ich noch.

Vor dem Beginn der Aufführung wurden die Namen derer Verlesen, die, nachdem der Vorhang gefallen sein würde, das Operettenhaus verlassen müssen. Bei vielen Namen brandete Beifall auf im Parkett und auf dem Rang, nicht deshalb, weil diese Menschen nun endlich das Haus verlassen, nein, der Beifall war Ausdruck der Zuneigung und der Leistung der vielen Menschen, die Teil dieser wunderschönen Inszenierung waren. Ein erstes Tränchen stahl sich in meine Augen. Jetzt schon?! Das kann ja noch was werden, dachte ich.

Dann erfolgte die obligatorische Ansage, dass keine Fotos und Mitschnitte erlaubt und die Handys bitte auszuschalten sind, mit dem abschließenden Hinweis: Die heutige Aufführung wird musikalisch geleitet von Bernhard Volk. Bei der Erwähnung des Namens wieder Beifall und Jubel, der sich bis in die ersten Takte der Ouvertüre hinzog. Wow!

Beifall und Jubel auf offener Szene sollte es noch reichlich während der Aufführung geben, sowas ist sonst nur üblich bei einer Premiere, so denn die Leistungen dies rechtfertigen. Bei dieser Aufführung war es sowas wie ein „Adieu“.

Bei aller Tragik der Handlung verstanden es die Akteure, die Aufführung hin und wieder mit ein paar spaßigen Einlagen aufzulockern, wie es halt bei einer Derniere üblich ist. Besonders die Rolle des Raoul Vicomte de Chagny bot dazu reichlich Anlass, greift er doch gern mal zu einem Drink.

Am Ende der Pause wurden von einem Fanclub Knicklichter an die Zuschauer verteilt um damit eine melancholische Stimmung am Ende der Vorstellung zu erzeugen. Mein Mann schaffte es, gleich schon beim ersten Beifall seine Lichter zu knicken. Um unerwünschte Lichteffekte während der Fortsetzung der Aufführung zu vermeiden, legte er sie auf den Boden und stellte seinen Fuß drauf.

Als Rachel Anne Moore in der Rolle der Christine Daaé das die Handlung entscheidende und gleichzeitig Titellied gesungen hatte, sprang das Publikum fast synchron auf, spendete frenetischen Beifall, vermischt mit Jubelrufen. Die Frau ist auch wirklich toll.

Kurz darauf war das Stück dann zu Ende. Christine lag, durch einen Pistolenschuss, der eigentlich gar nicht ihr galt, niedergestreckt auf dem Steg am Wasser und starb in den Armen vom Phantom. Raoul, ihr Mann konnte sie nur tot in seine Arme schließen, er war schon unterwegs zum Schiff gewese, welches ihn von Amerika nach Frankreich zurückbringen sollte. Das Phantom wollte sich vom Steg in die Fluten stürzen, aber der kleine Gustave, Sohn von Christine und Raoul (oder wessen Sohn?) ging zu ihm hin und legte ihm eine Hand auf die Schulter – für mich der einzige Moment, der mir feuchte Augen bescherte.

Und dann war das Phantom II endgültig Geschichte im Operettenhaus. Geschlossen stand das Publikum auf, Beifall, Jubel für die Darsteller (mein Mann ist heute noch heiser). Blumen wurden auf die Bühne geworfen, Blumen wurden auf der Bühne verteilt. Bernhard Volk, der Dirigent, kam zur Feier des Tages im Frack auf die Bühne, was beim Musical ganz und gar unüblich ist. Alle Kinderdarsteller, die für Rolle des kleinen Gustave mal auf der Bühnen gestanden haben, wurden auf die Bühne geholt um noch einmal ihren Applaus entgegenzunehmen, ebenso wie Zweitbesetzungen. Roul kam mit einer Flasche Alkohol auf die Bühne und prostete dem Publikum zu. Eine Abschiedsstimmung kam eigentlich gar nicht auf, es war eher eine fröhliche Abschiedsparty. Während aus dem Orchestergraben nochmal ein Medley der Melodien erklang, war durch den Gazevorhang zu sehen, wie die Darsteller miteinander sprachen und sich umarmten. Da gab es ganz sicher ein paar feuchte Augen.

Und jetzt unsere persönliche Meinung zu den Akteuren:
Da ist Christine Daaé, wunderbar gespielt und toll gesungen von Rachel Ann Moore, einfach grandios.
Ebenso grandios spielt Yngve Gasoy-Romdal in der Rolle des Raoul Vicomte de Chagny, Ehemann von Christine Daaé. Yngve hatte durch sein schauspielerisches Talent einen großen Anteil am Gelingen des Abends.
Und wo bleibt das Phantom? Tja, leider unter „ferner liefen“. Mathias Edenborn spielt das Phantom ohne Tiefgang, seine Stimme hat nicht das diaboilische, das diese Rolle haben sollte. Sein Spiel ist eher farblos – wie auch seine Stimme. Mein Fazit: Mathias Edenborn spielt ein x-beliebiges Phantom – der Isländische Tenor Gardar Thor Cortes IST das Phantom. Wir hatten das große Glück, diesen großartigen Protagonisten 2 Mal in diesem Musical auf der Bühne erleben zu dürfen. Wir hatten gehofft, dass er in der Derniere ein letztes Mal auf der Bühne stehen würde. Er hat wohl schon ein anderes Engagement. Mit seinem Können muss er sich keine Sorgen um Aufträge machen.

Trotz des Wehrmuttropfens: Es war ein wahrhaftig toller, ein besonderer Abend, den wir noch lange in Erinnerung behalten werden.

Bette & Joan


Zufällig entdeckte ich kürzlich, dass Désirée Nick im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg auf der Bühne steht, als Joan Crawford. Ihre Partnerin – oder ihre Gegenspielerin – ist Manon Straché in der Rolle der Bette Davis. Désirée Nick haben wir vor 6 Jahren als großaratige Schauspielerin in der Rolle der Florence Foster Jenkins auf der Bühne erlebt.

Bette & Joan, zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Als sich der Vorhang öffnet, sitzt Désirée Nick mit nahezu 180 Grad gespreizten Beinen auf der Bühne und macht Dehnübungen in ihrer Garderobe. Man stellt sich vor, wie es da wohl in ihrem Höschen aussehen mag, obwohl man als schwuler Mann das lieber gar nicht wissen möchte.

Doch worum geht es in dem Zweipersonenstück?:
Bette Davis und Joan Crawford sind zusammen für den Film »Was geschah wirklich mit Baby Jane?« engagiert worden. Beide hoffen auf ein Comeback. Im Verlauf der Handlung zeichnet sich ab, dass Bette Davis den Film aus finanziellen Gründen braucht.

Auf der Bühne haben beide Schauspielerinnen ihre eigene Garderobe, in welcher sie über ihr bisheriges Filmleben resümieren, das zum Teil auch ihr Privatleben war, z.B. mit welchen Männern sie verheiratet waren oder auch nur Sex hatten. Beide ziehen natürlich auch über die Gegenspielerin her, denn das sind sie wirklich. Bette Davis intrigiert bei dem Regisseur während Joan Crawford Rache übt und mit Hilfsmitteln dafür sorgt, dass Bette in der sogenannten Hebeszene „Rücken“ bekommt.

Désirée Nick verkörpert mit großen divenhaften Gesten und akzentuierter Sprechweise die glamuröse Joan Crawford. Als krasser Gegensatz dazu Manon Straché in der Rolle der Bette Davis. Rauchend, wie ein Trampel über die Bühne eilend und mit ihrem deftigen Wortschatz wirkt sie wie eine Proletin.

Der Zickenkrieg zwischen beiden Personen war nicht ganz so spitz herausgearbeitet wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber Désirée Nick und Manon Straché haben ihre Rollen großartig auf die Bühne gebracht.


Vor dem Theaterbesuch hatten wir uns im „Flickenschildt“ gegenüber dem Theater gestärkt. Die Inhaber haben gewechselt, sind aber immer noch schwul. Die Bratkartoffeln sind immer noch erstklassig. Und der „Altefrauentoast“ (ein Insider) steht immer noch auf der Speisekarte. Das Flickenschildt ist keine Kneipe für Schwule, es ist ein gemütliches Kneipenrestaurant, welches gerade von den Theatergängern sehr gern besucht wird.

Deutschland liebt es seicht


Diese Fassade wird es so bald nicht mehr geben. Wie nämlich jetzt zu erfahren war, wird das Musical „Phantom II – Liebe stirbt nie“ im Herbst mangels ausreichender Zuschauerzahlen abgesetzt. Vom künstlerischen Aspekt ist das unverständlich, wird doch auf der Bühne eine tolle Show mit ersklassigen Stimmen geboten, eine Story, die unter die Haut geht und tragisch endet und an deren Ende man sich die Tränchen trocknet.

Aber gehobene Unterhaltung wird vom Deutschen Musicalpublikum nicht geliebt. „Phantom II“ ist damit das 3. Musical, welches gefloppt ist, nach „Titanic“ und „Rebecca“. Bunt, lustig und ein wenig albern soll es zugehen auf der Bühne, da steht der Deutsche drauf, dann ist ihm kein Preis zu teuer um für ein volles Haus zu sorgen. Ich unterstelle dem Deutschen Musicalpublikum einfach mal, dass es zum großen Teil ähnlich flach ist, wie die Witze, die in einigen Musicals gebracht werden. Man schaut halt lieber Operette als Oper.

Wirklich sehr schade, dass das Phantom in den Katakomben verschwindet.

Ich schäme mich!

Ein Künstler aus dem Iran, Mahan Esfahani, trat in einem Konzert in der Kölner Philharmonie auf. Als er die Zugabe auf English ankündigt, wurde im Publikum gebrüllt, er solle gefälligst Deutsch reden. Mahan Esfahani ist ein Konzertcembalist, es soll der beste unserer Zeit sein. Man sollte annehmen, dass Konzertbesucher einen ensprechend guten und hohen Bildungsstand haben. Oder waren das etwa unverbesserliche, engstirnige alte Menschen?

Wie weit ist Deutschland gesunken, wenn ausländische Künstler auf so eine widerliche Art und Weise behandelt werden?! Es ist ein Skandal! Demnächst brennen wieder Synagogen oder wie geht es weiter?

Vornehm ausgedrückt

Der Titel dieses kleinen Beitrags ist zweideutig, wie ihr gleich beim Lesen bemerken werdet. Abgespeichert ist er in den Kategorien „Fundstücke“ und „Kultur“. Denn das Wort, um das es gleich gehen wird, ist eher ein Fundstück. Das Thema an sich passt gut in die Kategorie Kultur, auch wenn es nichts mit Musik, Litheratur oder Kunst im Allgemeinen zu tun hat.

Wobei, es ist vielleicht doch Kunst, mit vielen anderen Menschen zusammen in – oder heisst es auf? – der Latrine zu sitzen um sein Geschäft zu verrichten. Es soll ja Männer geben, denen der Wasserstrahl versagt sobald am Urinal neben ihnen jemand steht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit vielen anderen Menschen, darunter auch Frauen, in der Lage wäre, mich zu erleichtern. Latrinen im alten Rom waren demnach die ersten Unisextoiletten, die einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Anwaltserie Ally McBeal erreichten. Aber vermutlich war man im alten Rom nicht so zimperlich, sonst würde einem vermutlich die Blase oder der Darm platzen.

Wenn man – oder frau – ein menschliches Bedürfnis verspürt, kann man wortlos aufstehen und die sanitären Einrichtungen aufsuchen. Man kann aber auch sagen: „Ich muss mal!“. Bei Damen hieß es oft: „Ich geh mich mal eben frischmachen!“ Wobei man sich fragt, wo sie sich denn erfrischen wollte. Aber die Frage ist wohl zu intim. Im Krankenhaus wird man ggf. gefragt: „Hatten Sie heute schon Stuhlgang?“. Die Schwester könnte auch fragen: „Haben Sie heute schon defäkiert?“.

Wer es drastisch liebt, sagt: „Ich muss mal kacken!“ Aber das geht nur im ganz intimen Kreis und nach ein paar Bier. Wer seine Mitmenschen mal verwirren will, sollte mal sagen: „Ich gehe mal zum Defäkieren!“. Im Krankenhaus wird man ggf. gefragt: „Hatten Sie heute schon Stuhlgang?“. Die Schwester könnte auch fragen: „Haben Sie heute schon defäkiert?“.

Wenn man sich das Wort auf der Zunge zergehen lässt -„defäkieren“- wird einem klar, wo das Wort seinen Ursprung hat, nämlich bei den Fäkalien. Und dann wird es klar, was damit gemeint ist: Sich seiner Fäkalien entledigen.

Stuhlgang hab ich immer dann, wenn unsere Nachbarn oder wir ein paar mehr Gäste haben. Dann leihen wir uns gegeseitig Stühle und gehen mit ihnen von einer Wohnung in die andere.

Nun, ihr werdet euch sicher fragen, wie ich darauf gekommen bin: Ich las darüber, dass Latrinen, ihr wisst schon, die römischen Unisextoiletten, höchstwahrscheinlich Keimschleudern gewesen sind. Wobei ich mich gerade Frage, wer da wie mit Keimen geschleudert hat! Ich will mir das lieber nicht vorstellen. Und in diesem Artikel ist vom Defäkieren die Rede. Ein köstliches Wort. Muss ich mir merken.

Der Historiker Weeber erklärt mit einfachen Worten, was Latrinen waren: Ein umgekehrter Stammtisch – weil man sich dort über Stadtgerüchte und Politik austauschte. Vermutlich waren auch Stadtgerüche dabei.
Heute hat man dazu sein Blog – ohne Gerüche. Und wenn es einen überkommt, geht man zwischendurch mal ganz locker zum Defäkieren, ohne dass jemand das merkt.

Das ist aber auch ein scheiß Thema am Montagmorgen!

Schummerstünn

So ungefähr wussten wir, was uns gestern Abend erwarten würde. Astrid und Holger, unsere Nachbarn, die uns zur Schummerstünn mitgeschnackt hatten, wissen ob unserer Ansprüche, wenn es um Bühnentheater geht und wurden in den vergangenen Wochen nicht müde ständig zu betonen, dass alles recht einfach ist und es eben Laien wären, die dort auf der Bühne stehen. Es könnte auch mal Texthänger geben.

Die Schummerstünn ist eine kleine Veranstaltungsreihe in der Vorweihnachtszeit der Niederdeutschen Volksbühne Geesthacht e.V., die nicht dort stattfindet, wo die „normalen“ Stücke dem Publikum präsentiert werden, nämlich im Kleinen Theater Schillerstraße. Die Schummerstünn findet im Proben- und Werkstattsaal der Niederdeutschen Bühne statt. Ca. 100 Leute sitzen auf Bierzeltgarnituren, vor sich pro Tisch je eine Platte mit Mettwurst-, Käse- und Schmalzbrot. Es gibt wahlweise Bier, Rotwein oder Sekt, und natürlich auch alkoholfreie Getränke.

Die Schummerstünn ist eine Aneinderreihung von Sketchen, in denen manchmal auch der Nachwuchs, also Kinder im Schulalter, mitwirkt – und das mit großen schauspielerischen Talent. Man muss ich wundern. Der Szenenumbau erfolgt bei offener Bühne während ein Musiker am Keyboard in die Tasten haut. Es gibt nur eine sparsame Szenerie, ein Tisch, Stühle, Sessel und manchmal auch ein paar kleine Requisiten. Die beiden „Bühnenarbeiter“ schauspielern auch ein wenig während des Umbaus, z.B. „streiten“ sie darum, wer denn die Tischdecke von der Bühne tragen darf.

Natürlich wird auf der Bühne nur platt geschnackt. Allerdings hatte ich manchmal den Eindruck, dass man bei einigen Worten nicht so recht wusste, wie man das op Platt sagt, das klang in meinen Ohren dann etwas gekünstelt. Ich hätte da einiges etwas anders ausgedrückt. Aber Plattdeutsch wird regional auch überall anders gesprochen. Und alles in allem schmälerte das nicht den überaus netten Gesamteindruck des vergnüglichen Abends.

ESC 2015 – 2. Semi

So, nun stehen sie also fest, die 27 Teilnehmer des Grand Final, welches morgen Abend in Wien stattfinden wird.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass mir das 2. Semi besser gefallen hat. Vielleicht lag das an dem rothaarigen Drummer der Iren. Um es gleich zu sagen: Irland ist nicht im Finale, was ok ist.

Gleich der erste Auftritt, Monika und Vaidas aus Litauen mit „This Time“, heizte die Stimmung im Saal ein. Dieser Titel hätte mich eine Tanzfläche stürmen lassen. Das reisst mit – und ist im Finale. Übrigens: Von Vaidas hätte ich mich auch gern küssen lassen.

Schweden präsentiert einen weiteren Titel, der mir gut gefällt, Maans Zelmerlöw mit „Heroes“ ist auch im Finale.

Die einzie Ballade aus beiden Semis, die ich wirklich toll finde, wird von Norwegen präsentiert, „A Monster like me“ geht unter die Haut und hat berechtigt einen Platz im Finale gefunden.

Ich habe für jeden dieser Beiträge abgestimmt. Wobei ich wirklich nicht weiss, welchen Titel ich am besten finde. Das wird sich vielleicht ab heute Mittag klären, wenn alle 27 Finalisten bei Radio Hamburg gesendet werden, nur zum hören, ohne Show, ohne Bart, ohne Feuerwerk und ohne Tanz.

Warum diese Schlaftablette aus Zypern weitergekommen ist erschliesst sich mir ganz und gar nicht. Stattdessen hätte ich lieber Portugal oder die Schweiz im Finale nochmal gesehen bzw. gehört. Das Gleiche gilt für Slowenien. Das Duo braucht die riesigen Kopfhörer wohl um die Luftgeige zu hören. Wenn ich die Stimmzettel von Ossi für das Finale ausgedruckt habe, kann ich bei beiden gleich ein Strich machen, was so viel heisst wie „durchgefallen“, also Zypern und Slowenien.

Polen wird von einer Dame im Rollstuhl präsentiert – und ist ins Finale gerollt. OK, sie kann singen, aber der Titel ist eher so lalala. Sollte da ein Mitleidsfaktor Einfluss gehabt haben? Wenn ich morgen noch einen Song benötige, um meine Punktevergabe zu komplettieren, könnte Polen dabei sein, 1 Punkt, maximal 2. Da ändern auch ihre hübschen lange Beine nichts dran.

Wie oben erwähnt habe ich 3 persönliche Favoriten. Morgen muss ich mich entscheiden wenn ich meinen Stimmzettel ausfüllen muss. Wenn ich nochmal so darüber nachdenke, könnte der Showact den Ausschlag geben. Der von Schweden hat mir nicht so gut gefallen. Aber wie schon in den Vorjahren erwähnt: Es geht nicht um Show, es geht nicht um den Interpreten, es geht um Musik.

Nicht ganz einer Meinung

Es ist sehr sehr selten, dass die Meinungen meines Mannes und von mir nicht übereinstimmen. Aber gestern Abend ist es passiert. Was war geschehen?:

Wie ich kürzlich verkündete, hatten wir Karten für die Eröffnung für das STAGE THEATER AN DER ELBE gewonnen mit der anschliessenden ersten Aufführung vor Publikum des Musicals „Das Wunder von Bern“. Wir fanden uns rechtzeitig auf der Überseebrücke im Hamburger Hafen ein, so dass wir einen Platz in der ersten Reihe hatten, mit Blick auf das gegenüberliegende neue Theater, welches noch im Dunkeln lag. Um die Wartezeit zu verkürzen und um die Gäste ein wenig aufzuwärmen, wurden Glühwein und heisse Schokolade gereicht. Nach ein paar kurzen Reden, u.a. auch vom Hamburger Bürgermeister, wurde das Lichtspektakel ausgelöst. Es gab eine kleine Lasershow, verbunden einem Höhenfeuerwerk. Die Elbe wurde in diesem Bereich extra für ein paar Minuten für den Schiffsverkehr gesperrt. Nach der Show ging es mit den schwimmenden Musicalshuttles auf die andere Elbseite und wir konnten das neue Theater in Augenschein nehmen. Jacken und Mäntel konnten an der Garderobe kostenfrei abgegeben werden. An den Bars gab es Getränke umsonst, ebenso wie Brezn.

Wir fanden noch einen freien Stehtisch im Foyer und unterhielten uns nett mit anderen Gästen, die auch die Karten für diese Veranstaltung gewonnen hatten. Von Radio Hamburg tauchte eine Reporterin auf, die uns zu unseren ersten Eindrücken über das Theater befragte. Bisher hatten wir nur das Foyer gesehen. Es dominieren die Farben rot (Teppichboden) und weiss (Wände etc), was dem Foyer einen recht frischen Ausdruck verleiht. Zur Elbe hin gibt es eine grosse Glasfront mit Blick auf den Hafen und Hamburg. Wir waren sehr angetan.

Etwa 20 Minuten vor dem Vorstellungsbeginn wurden die Türen zum Zuschauerraum geöffnet und wir nahmen unsere Plätze ein. Die roten, indirekt beleuchteten Wandelemente, sorgen für ein angenehmes Licht im Saal. Bisher waren Bernd und ich einer Meinung.

Wenige Minuten vor der Aufführung erschien eine Dame vor dem Vorhang und berichtete, dass nach vielen Wochen der Proben heute die erste Vorstellung vor Publikum gezeigt wird und alle, Darsteller wie Technik und alle anderen Personen, die zum Gelingen der Aufführung beitragen sollen, ziemlich nervös sind. Deshalb bitte man um die Unterstützung des Publikums. Dann hob sich der Vorhang. Das erste Bühnenbild war eine Nachkriegsküche im „Pott“, die so auch in jeder anderen Gegend hätte sein können und die in ähnlicher Form früher auch bei uns zu Hause vorzufinden war. Für mich war es ein Zeitsprung zurück in eine andere Zeit.

Die Handlung, die aus 2 Handlungssträngen besteht, will ich nur kurz skizzieren: Nach vielen Jahren in Russischer Kriegsgefangenschaft kommt der Vater zurück zu seiner Familie. Er kommt nicht so recht damit klar, dass sich die Kinder inzwischen weiterentwickelt haben und mehr oder weniger ihr eigenes Leben führen. In abgewandelter Form fällt der Satz: „Solange du deine Füße unter meinen Tisch …. “ Erst nach und nach entwickelt der Vater wieder ein innigeres Verhältnis zu Frau und Kindern. Die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft 1954, die ja von Deutschland gewonnen wurde, wird in diese Familiengeschichte eingebettet. Auch hier fallen Worte, die man schon mal gehört hat, wie z.B. „Der Ball ist rund ….“

Die Bühenbilder bewegen sich beim Wechsel nahtlos miteinander, teils aus dem Boden, teils von hinten und aus den Seiten kommend und verschwindend. Special effects gibt es nicht, aber alles ist nett anzuschauen.

Am Ende wird Deutschland dann Weltmeister. Das Endspiel wird sehr spektakulär an der hinteren Bühnenwand dargestellt. Durch eine ausgefeilte Technik werden Teile des Spielfeldes auf die Wand projiziert. Die „Fußballer“ laufen, an Seilen hängend, auf diesem Spielfeld auf und ab und hin und her und schießen die projizierten Bälle. Wie die es schaffen, gerade immer da zu sein, wo ein Ball auftaucht, der ja eigentlich gar nicht vorhanden ist – das ist schon eine beachtliche Leistung und war einen Sonderbeifall wert.

Nicht nur im Fußball gab es ein Happyend, was ja seit 60 Jahren bekannt ist, auch die Familie fand wieder zusammen und alles war wieder gut. Standingovations vom begeisterten Publikum am Schluss.

Soweit so gut. Mir hat’s gefallen und ich würde mir das Musical noch einmal ansehen, wenn es sich denn mal ergibt. Ich würde also nicht unbedingt in absehbarer Zeit Karten kaufen wollen. Und mein Mann? Der fand das gar nicht gut. Die Geschichte der Vater-Sohn-Beziehung gefiel ihm z.B. nicht, die Musikstücke auch nicht. Bernd würde sich das Stück nicht mehr anschauen. Er sagte, er kann sich in das Stück nicht reinfinden. Tja, ungewöhnlich, dass wir nicht einer Meinung sind.

Die Welturaufführung findet am 23. November statt. Gestern war es nicht mehr als eine öffentliche Probe, von der Eröffnung des Theaters mal abgesehen. Vielleicht werden in den verbleibenden zwei Wochen noch ein paar Änderungen vorgenommen.